31. Juli 2012

Unisex für Alle: Der Postgenderismus. Oder die Frage: „Wann ist das denn passiert?“

Die Piratenpartei hat Postgenderismus bekannt gemacht und die Geschlechterdebatte damit vermutlich ungewollt weiter angefacht. Während die Grünen sich für eine Frauenquote stark machen, lässt die Piratenpartei alle Geschlechterfragen hinter sich und bezeichnet sich als Postgender. Das englische Wort steht für „Danach“ (Post) und „Geschlecht“ (Gender). Somit sind für die Piraten die Geschlechterfragen bereits überwunden. Klassifizierungen in Frau und Mann sollen demnach ganz einfach abgeschafft werden. Auf Dokumenten, wie zum Beispiel Ausweispapieren, soll das Geschlecht nicht genannt werden und Kinder sollen einen Namen erhalten dürfen, der nicht ihr Geschlecht preisgibt. Somit wären alle Namen unisex. Gleichgeschlechtliche Ehen sowie die freie Wahl einer sexuellen Identität, unabhängig vom Geschlecht sollen Standard werden. So könnte zum Beispiel ein Mädchen den Namen Heinz erhalten und auf ihrem Ausweis würde man dann lediglich an ihrem Passfoto das Geschlecht erkennen können. Bei beruflichen Qualifikationen soll das Geschlecht ebenfalls keine Rolle spielen. Dies alles mutet ziemlich futuristisch an, dachten wir nicht noch daran, dass wir aktuelle Probleme mit der Gleichberechtigung haben? Gibt es nicht immer noch zu wenig Frauen in den Aufsichtsräten? Und bekommen Männer nicht immer noch teilweise höhere Löhne für die gleiche Arbeit? Postgenderisten wollen sämtliche Fragen von Diskriminierungen durch Ignoranz überwinden. Sie wünschen sich eine androgyne Gesellschaft, in der das Beste aus Mann und Frau zum Vorschein kommt, unabhängig vom Geschlecht. Erste Unisextoiletten bei Piratenstammtischen existieren bereits, statt dem Frauen- oder Männersymbol auf der Toilettentür steht dort nun der Hinweis in welchem Raum sich zusätzlich zu den Toiletten Pissoirs befinden. Weitere Fragen tun sich hier auf: Nennen sich dort die Frauen Piratin oder Pirat? Besuchen Sie die Toiletten aus Prinzip mit Pissoir oder ohne? Würden sie ihrem männlichen Baby einen weiblichen Namen geben? Wo Postgender anfängt hört es auch gleich wieder auf, denn obwohl sich eine Gesellschaft ohne Geschlechterfragen als wünschenswert anhört, bleiben die Fragen bestehen, wie aktuelle Diskriminierungen durch Ignoranz bekämpft werden sollen und welche Projekte hier Erfolge aufweisen können.

Die Piratenpartei selbst ist hier kein gutes Beispiel, denn obwohl sie keine Geschlechterstatistiken führt und sich selbst als Postgender bezeichnet, weist sie vermutlich den geringsten Frauenanteil unter den existierenden Parteien auf. Für eine basisdemokratische Partei, die politische Fragen von der Gesamtbevölkerung (inklusive Kindern, durch Wahlrecht ab Geburt) beantwortet bekommen will, die Pi mal Daumen nunmal aus zu gleichen Teilen von Männern und Frauen besteht, ein Ergebnis, das man als „PreGender“ (Pre=Davor) bezeichnen könnte.
Wenn die Piraten auf die Zielgruppe „Frau“ verzichten, dann werden sie auch weiterhin auf Frauen in der Partei verzichten müssen, die ihre Wahlergebnisse erheblich steigern könnten. Eine erste Anerkennung der Debatte zeigt die Partei durch die Gründung des „Kegelclubs“, einem Forum, dass sich mit der Geschlechterpolitik in der Piratenpartei auseinandersetzt.

Wenn die Gesetze sich zugunsten der Postgenderisten anpassen würden, dann käme dies einer sexuellen Revolution gleich. Einer Emanzipation beider Geschlechter, bei der man allerdings nicht weiß ob und welches Geschlecht hier als Sieger rausgeht oder ob sich ein gewollter Doppelsieg ergibt.

Weltfremd mutet die Aussage auf der englischen Wikipedia-Seite an, die schreibt: „Postgenderisten glauben daran, dass Sex aus Fortpflanzungsgründen entweder überholt sein wird oder dass alle Postgender-Menschen die Möglichkeit haben, wenn sie es denn wollen, eine Schwangerschaft zu durchlaufen und der Vater eines Kindes zu sein." In anderen Worten schreibt die feministische Zeitschrift Emma: „Postgender ist übermorgen."

 Dieser Artikel erschien redigiert auf ZEIT ONLINE: HIER

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